Prof. Dr. Georg Schnath, 1970. Städtisches Museum Göttingen
Prof. Dr. Georg Schnath, 1970. Städtisches Museum Göttingen

Tagebuch des Georg Schnath, 14.01.1919 : Putschgerüchte Spartakisten


In den späten Nachmittagsstunden durchschwirrten mit der Plötzlichkeit, die für alle solche Gerüchte kennzeichnend ist, aufregende Nachrichten von bevorstehender Spartakistengefahr die Stadt. Um 6½ Uhr wurde uns in der Akad. Lesehalle mitgeteilt, daß starke spartakistische Banden im Anmarsch seien und Kreiensen und Northeim bereits besetzt hätten. Auf Grund einer Vereinbarung der maßgebenden Stellen sei die Waffenfähige Studentenschaft aufgefordert, sich beim Läuten der Sturmglocke unverzüglich zum Waffenempfang auf dem Hofe der II. Kaserne zu stellen. Ich hegte von vornherein starke Zweifel an der Richtigkeit des Berichtes in dieser Form und wurde dann auch abends vor dem Vortrag, den Dr. Hagen (Oskar Hagen, Prof. Dr., Kunstgeschichte, Dirigent der akadem. Orchestervereinigung, 1888-1957) im Aud. max. hielt, durch einige aufklärende Worte von unterrichteter Stelle belehrt, daß die Besetzung von Kreiensen und Northeim sich bislang nicht bestätigt habe. Es handele sich um Banden der braunschweigischen Roten Garde, die Seesen a. H. eine Zeitlang besetzt gehabt hätten und jetzt mit unbekanntem Ziel von dort abgefahren wären, wahrscheinlich aber, um nach Braunschweig zurückzukehren. Die getroffenen Vorsichtsmaßregeln wurden aber aufrechterhalten, um allen unliebsamen Überraschungen vorzubeugen. So blieb der Bahnhof dauernd stark besetzt; auch Reichsbank und Sparkasse wurden durch Posten gesichert und der Sicherheitsdienst in den Straßen verstärkt, ohne daß es zu irgendwelchen Zwischenfällen gekommen wäre. Eine gewisse Aufklärung dieser etwas dunklen Geschichte sehe ich in dem dieser Tage zwischen dem Zentral-A. u. S.-Rat in Hannover und der durchaus spartakistischen Braunschweiger Volksregierung ausgebrochenen Konflikt und den daraus erwachsenen Zusammenstößen in Vorsfelde und Seesen. Die Braunschweiger mußten in allen wesentlichen Punkten nachgeben und insbesondere ihre Bahnlinie für den Transport der nach Berlin und dem Osten bestimmten Regierungstruppen freigeben. Jedenfalls ist der ganze Zwischenfall und seine Rückwirkung auf Göttingen für unsere politischen Verhältnisse sehr bezeichnend.
(Schnath 1976, S. 191)

 

Friedrich Hoßbach erinnerte sich in einem Interview von 1974:

 

Rathaus und 82er spielten erst in der Silvesternacht eine Rolle. Da wurden die aktiven Offiziere auf den Rathausplatz befohlen, wo der Oberbürgermeister Calsow uns bat, die Stadt vor den roten Truppen zu schützen, die aus Kreiensen auf die Stadt zumarschierten. Wir wurden gefragt, ob wir bereit wären, und da sagte ich: "Nur, wenn sich der Soldatenrat in nichts, was diese Angelegenheit betrifft, einmischt." Dem ist auch entsprochen worden. Wir haben dann vor der Universitätsaula und noch irgendwo gewartet, aber die zogen es vor, lieber nicht zu kommen. (Popplow, 1975, S.766)